Prognosemärkte: Deshalb beobachten Malta und die EU das Thema so genau
Prognosemärkte wurden in ihren Anfängen vorrangig als Nischenprodukt für empirische Erhebungen oder politische Wetten aufgefasst und genutzt. Im Lauf der Zeit hat sich der Markt allerdings zu einem ernstzunehmenden digitalen Geschäftsmodell aufgebaut und gewinnt zunehmend an wirtschaftlicher und regulatorischer Relevanz.
Nicht zuletzt wegen beträchtlicher Erfolge bekannter US-Plattformen wie Polymarket oder Kalshi setzen sich inzwischen auch Behörden, Regulierer und Juristen in der EU verstärkt damit auseinander, wie die Angebote von Prognosemarkt-Anbietern rechtlich einzuordnen sind.
Speziell Malta zeigt reges Interesse an diesem Thema und geht ausgesprochen offen mit dem Thema Prognosemärkte um, womit sich der südeuropäische Inselstaat einmal mehr als regulatorischer Pionier im neuen digitalen Marktsektor etablieren könnte.
Was sind Prognosemärkte?
Prognosemärkte sind Plattformen, die Nutzern die Möglichkeit bieten, auf den Ausgang bestimmter zukünftiger Ereignisse zu handeln bzw. zu wetten. Charakteristisch daran ist, dass es stets um Ja-/Nein-Fragen geht. Hier einige Beispiele:
- Erreicht der Bitcoin-Kurs X?
- Wird Kandidat X die Wahl Y gewinnen?
- Senkt die EZB die Zinsen bis Dezember?
- Gewinnt Team Y Sportereignis Z?
Um Prognosemärkte in Anspruch zu nehmen, kaufen Nutzer sogenannte Kontrakte, deren Preis widerspiegelt, wie der Markt ein bestimmtes Ergebnis bewertet. Kostet ein „Ja“-Kontrakt z. B. 0,60 €, entspricht das einer angenommenen Wahrscheinlichkeit von rund 60 %.
Tritt das gehandelte Ereignis ein, wird der Kontrakt ausgezahlt. Sofern der Ausgang nicht eintritt, verfällt der Kontrakt jedoch ohne Wert bzw. Erlös.
Anders als klassische Sportwetten verfahren zahlreiche Prognosemarkt-Plattformen eher wie Börsen oder Handelsplätze: Betreiber profitieren etwa durch erhobene Vermittlungsgebühren zwischen Nutzern und treten nicht persönlich als Wettanbieter auf, die auf eigenes Risiko agieren. Aus diesem Grund ist die Struktur hinsichtlich einer regulatorischen Einordnung so komplex.
Finanzprodukt oder doch Glücksspiel?
Die aktuell alles entscheidende Frage: Handelt es sich bei Prognosemärkten um Finanzinstrumente oder doch um Glücksspielprodukte?
Rechtlich gesehen ist das Modell in einer Grauzone zwischen Börsenhandel, Wettgeschäft und Finanzprodukten zu verorten. Der Vergleich mit binären Optionen oder weiteren Derivaten wird in diesem Kontext besonders häufig gestellt, da diese bereits seit Jahren unter europäischer Finanzaufsicht stehen.
In der Vergangenheit hat die europäische Wertpapieraufsicht ESMA (Wertpapieraufsicht European Securities and Markets Authority) massive Bedenken zu binären Optionen für Privatanleger zum Ausdruck gebracht und die Vermarktung dieser Optionen in der EU erheblich eingeschränkt, da diese lt. ESMA nennenswerte Risiken für Verbraucher bergen und Marktmissbrauchs-Probleme nach sich ziehen könnten.
Parallelen zwischen Prognosemärkten und Wettbörsen sind augenscheinlich, speziell, wenn Nutzer gegeneinander handeln und Betreiber ausschließlich als Vermittler fungieren. Aus diesem Grund schreiben verschiedene europäische Staaten diese Plattformen dem Gegenstand des Glücksspielrechts zu.
Die Lage wird zudem dadurch erschwert, dass es innerhalb der EU bis dato keine einheitlich geregelte Glücksspielregulierung gibt, denn dies bleibt vorrangig der nationalen Beurteilung überlassen, wohingegen das Finanzmarktrecht auf europäischer Ebene weitgehend vereinheitlicht ist. Dadurch kommt es zu erheblichen Unterschieden in den Mitgliedstaaten.
Warum Malta stark am Thema “Prediction Markets” interessiert ist
Malta beobachtet die Entwicklung auf dem Prognosemarkt nicht nur sehr rege, sondern signalisiert auch wachsendes regulatorisches Interesse.
Die maltesische Regierung hat bereits öffentlich bekannt gegeben, dass die Möglichkeiten für eine spezifische Regulierung von Prognosemärkten untersucht werden. Darüber hinaus unterstrichen Regierungsvertreter zuletzt mit Nachdruck, dass Malta zu den ersten Jurisdiktionen zählen wolle, die einen klaren Rechtsrahmen für diesen Markt schaffen könnten, was nicht überrascht.
Malta kann bereits zum jetzigen Zeitpunkt mit einem der etabliertesten iGaming-Ökosysteme Europas aufwarten. Die gegenwärtige Glücksspiel-Gesetzgebung ermöglicht bereits Exchange- und Peer-to-Peer-Modelle, die strukturelle Parallelen zu Prognosemärkten aufweisen.
Aus diesem Grund wäre eine frühe Regulierung für Malta strategisch reizvoll. Die Vorteile liegen auf der Hand:
- technologische Innovation im Gaming- und FinTech-Sektor
- neue Lizenzierungsmodelle
- voraussichtliche neue Steuer- und Arbeitsplatzeffekte
- zusätzliche internationale Anbieter
Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass Malta bereits über Erfahrung mit einer technologieorientierten Regulierung verfügt – u. a. im Krypto-, Blockchain- und Digital-Assets-Bereich. An eben dieser Stelle überschneiden sich zahlreiche moderne Prognosemarkt-Modelle mit aktuell geführten regulatorischen Debatten.
Warum Prognosemärkte auch auf EU-Ebene relevanter werden
Die Diskussion über eine vermehrte Zentralisierung und Vereinheitlichung der Finanzaufsicht nimmt auf europäischer Ebene Fahrt auf, wobei die ESMA einmal mehr im Zentrum steht. Der Behörde werden im Zuge neuer EU-Finanzmarkt-Initiativen zunehmend mehr Kompetenzen zugeteilt, speziell bei länderübergreifenden digitalen Finanzmodellen und Krypto-Dienstleistungen.
Gerade im Zusammenhang mit der neuen MiCA-Verordnung für Krypto-Assets zeigt sich bereits, wie sensibel die EU auf regulatorische Unterschiede zwischen Mitgliedstaaten reagiert. Malta stand zuletzt hinsichtlich der Frage, ob die nationalen Behörden möglicherweise zu liberal oder zu rasch Lizenzen einräumen, im Zentrum europäischer Diskussionen.
Prognosemärkte könnten sich aus diesem Grund künftig genau an folgenden Schnittstellen wiederfinden:
- Verbraucherschutz
- Krypto-Regulierung
- Finanzmarktrecht
- Marktintegrität
- und Glücksspielaufsicht.
Ausgesprochen heikel erscheinen aus Sicht der Behörden potenzielle Manipulationsrisiken und bereits anderweitig geahndete Insiderhandel-Szenarien, wie dies bereits bei politischen oder wirtschaftlichen Ereignissen der Fall gewesen ist. Prognosemärkte könnten immerhin nahezu jedes stattfindende Ereignis handelbar machen – anders als klassische Sportwetten.
Warum Prognosemärkte für die Glücksspielbranche relevant werden könnten
Für die iGaming-Industrie ist die Markt-Entwicklung im höchsten Maß interessant.
Denn bereits heute ähneln Prognosemärkte in zahlreichen Sektoren klassischen Wettmodellen:
- Marktmechanik und Liquidität lassen an Betting Exchanges denken
- Nutzer setzen auf zukünftige Ereignisse
- Wahrscheinlichkeiten und Quoten verändern sich dynamisch
- Viele Plattformen sprechen mit ihrem Angebot dieselbe Zielgruppe an wie Sportwettenanbieter oder Krypto-affine Nutzer
Bestehende Gaming-Lizenzen und regulatorische Strukturen könnten schlagartig an erheblicher Bedeutung gewinnen, sollte sich in Europa die Auffassung durchsetzen, dass Prognosemärkte zumindest in Teilen unter das Glücksspielrecht fallen.
Speziell Malta hätte in dieser Hinsicht einen offenkundigen Vorteil, denn das regulatorische Umfeld für Exchange-basierte Modelle existiert bereits seit Jahren. Dadurch könnte sich die Insel einmal mehr als europäischer Hub für ein neues digitales Marktsegment positionieren.
Gleichzeitig könnte die Debatte jedoch auch neue Konflikte zwischen den Mitgliedstaaten entfachen – insbesondere dort, wo nationale Behörden planen, entschieden strenger gegen grenzüberschreitende Angebote vorzugehen.
Wie sensibel das Zusammenspiel zwischen Malta-Lizenzen und nationalem Glücksspielrecht inzwischen geworden ist, zeigte zuletzt auch die Entscheidung rund um deutsche Online-Casino-Angebote maltesischer Betreiber, denn Deutschland darf Online-Casino-Spiele inzwischen verbieten, die von in Malta lizenzierten Unternehmen angeboten werden.
Weitere Entwicklungen und noch offene Fragen
Prognosemärkte entwickeln sich europaweit von einem experimentellen Nischenprodukt zu einem ernstzunehmenden regulatorischen Thema.
Es dreht sich hier nicht allein um die entscheidende Frage, ob diese Modelle als Glücksspiel oder Finanzprodukt gelten, sondern auch darum, welcher Behörde künftig die Zuständigkeit zufallen soll und wie einheitlich die Regulierung innerhalb Europas ausfallen könnte.
Malta hat früh erkannt, dass mit Prognosemärkten ein neuer Wachstumsmarkt entstehen könnte. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass die EU versuchen wird, regulatorischer Arbitrage und nationalen Sonderwegen Grenzen aufzuzeigen.
Für die Glücksspiel- und iGaming-Branche bedeuten die Entwicklungen vor allem, dass Prognosemärkte in den kommenden Jahren zu einem der interessanten regulatorischen Themen in den Bereichen Krypto, iGaming und FinTech werden können.
Hinweis: In Deutschland stuft die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) sogenannte Gesellschaftswetten, wie sie etwa auf Polymarket angeboten werden, als nicht erlaubnisfähig ein. Dieser Beitrag dient ausschließlich Informationszwecken.
Quellen
- https://gtg.com.mt/prediction-markets-malta-eu-regulatory-hub
- https://www.esma.europa.eu/press-news/esma-news/esma-identifies-opportunities-strengthen-mica-authorisations
- https://www.reuters.com/sustainability/boards-policy-regulation/esma-head-says-eu-lacks-unified-view-regulators-expanded-powers-2025-06-23
- https://www.reuters.com/legal/government/eu-regulator-criticises-maltas-crypto-licensing-process-2025-07-10
- https://www.reuters.com/sustainability/boards-policy-regulation/france-threatens-block-crypto-licence-passporting-eu-regulatory-fight-2025-09-15
- https://chambers.com/articles/prediction-markets-in-europe-why-malta-is-often-on-the-shortlist
- https://www.eupersonalfinance.eu/articles/prediction-markets-europe
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